Interview EVA&ADELE Deutsch

EVA&ADELE Vernissage au Musée de l'Art Moderne de Paris

EVA&ADELE Vernissage au Musée de l’Art Moderne de Paris

Simone: EVA & ADELE ist die längste Performance der Welt. Gibt es da überhaupt einen Moment, wo die Performance aufhört?

Adele: Überhaupt nicht, das ist ja ein Ganzes, es gibt den unsichtbaren Teil der Performance, die Zeit, die wir im Hotel brauchen, bis wir als EVA & ADELE erscheinen in der Öffentlichkeit.

Eva: Die Performance hört nicht aus, Leben und Kunst ist eine Einheit, selbst der unsichtbare Teil der Performance, wenn wir die Erscheinung EVA & ADELE herstellen, ist Performance. Auch das Nachdenken über Neuanschaffungen, wobei wir, feststellen konnten, fast von Anfang an, dass unsere manchmal noch sehr komischen Einfälle von der Haute Couture aufgegriffen wurden.

Adele: Es gibt 10 Kostümpläne hier in der Ausstellung, eine komplette Choreografie dessen, was wir anziehen, es ist alles vorher aufgeschrieben, und aufgezeichnet.

Eva: Und ich zitiere mehrere Künstler, ein Künstler ist kein Mensch, er ist ein Künstler. Wir könnten das Performative Werk nicht machen, wenn wir nicht Künstler wären. Es ist eine grosse Freude, eine grosse Hingabe, mit all unserer Liebe, unserer Sorgfalt, unserem Herz praktizieren wir EVA & ADELE. Es ist so, dass wir all diese menschlichen Dinge als Künstler und als Kunstwerk tun. Wir gehen auch in ein Amt, wenn wir das tun müssen. Wobei wir für den Zahnarzt speziell eine Technik entwickelt haben damit die Gesichtsmalerei der Prozedur standhält. Wenn der Zahnarzt da zu Gang ist, und sei es nur Prophylaxe, sehen wir am Ende auch so aus.

Simone: Und geht ihr denn da dann auch noch raus, etwas ganz alltägliches tun, so was wie einkaufen?

Adele: Manchmal bringt ein Assistent die Lebensmittel, es ist auch organisiert, dass wir möglichst viel Zeit für Stille haben. Das ist in unserem Werk auch sehr wichtig. Wir lieben die Stille, die Einsamkeit und Reflexion im Atelier.

EVA&ADELE Polaroidtagebuch 1991 - 2005, Detail

EVA&ADELE Polaroidtagebuch 1991 – 2005, Detail

Simone: Und wie reagieren die Leute auf der Strasse auf Euch?

Eva: Es ist gerade wichtig, dass es niemand sogleich es als Kunstwerk erkennt. Um etwas zu verändern müssen wir in camouflage sein, weil es die Menschen mehr trifft. Es ist ein echter Teil unseres Lebens ist, den wir als Performance vorführen. Aber auf der anderen Seite würden viele zurückschrecken, wenn sie erklärende Informationen hätten.

Adele: Der Direktor des Musée d’Art Moderne de Paris hat geschrieben, EVA & ADELE sind eine der schönsten und tiefgründigsten Performances die Künstler jemals realisiert haben. Und das war natürlich ein ganz grosser Blumenstrauß von seiner Seite.

Eva: Für uns ist es ja auch so, alle diese Fragen, die immer so um die Realität kreisen, das ist ein Moment, der in sich auch den grossen Widerspruch trägt. Weil als Künstler wollen wir das Schöpferische, das noch nie Dagewesene, das Erschreckende, das Erfreuende, alles, was Kunst sein kann. Auf der anderen Seite, gibt es von den Menschen auf der Straße diese Fragen, die man an uns richtet. Wir dürfen nie vergessen, dass wir als Künstler ein Kunstwerk schaffen.

Simone: Der Künstler will ja auch meistens mit seiner Kunst etwas bewirken. Wie wollt Ihr auf die Welt einwirken, sie verändern?

Eva: Wir haben sie schon verändert. Das ist uns aufgefallen an unserem eigenen Leib. Weil wir in den ersten Jahren sehr angefeindet wurden. auch mitten in Berlin, wo wir manchmal richtig entsetzt waren, weil wir mit mehr Toleranz gerechnet haben. Und in der Zwischenzeit hat sich die Stimmung verändert, auch durch die Mitarbeit der Medien. Es hat sich eine Toleranz entwickelt, nicht nur in Berlin, sondern überall.

Simone: Ein Begriff, den man immer wieder im Zusammenhang mit Eurer Kunst hört, ist “FUTURING”, was genau bedeutet das?

Eva: FUTURING ist FUTURING ist FUTURING. Ich glaube, wenn der Denkapparat loslegt, wird man auf etwas draufkommen. Man könnte es übersetzen mit etwas zukünftiges tun. Und dass wir mit unserer lebenslangen Performance, die das Bild EVA & ADELE überall verbreitet wir natürlich etwas zukünftiges tun für die Ausbreitung des Raumes der Geschlechteridentität.

Adele: Ich würde mal so sagen, Künstler hoffen und glauben mit ihrem Werk etwas zu verändern. Wir haben kein Programm. Verändern tun sich möglicherweise die Menschen,wenn sie nachdenken über Identität, Freiheit, Schönheit, Sinnlichkeit, auch Ernsthaftigkeit. Ich glaube, unser Werk hat eine tiefe Ernsthaftigkeit, die wir mit dem Lächeln vortragen und unser Lächeln ist ein Werk.

Eva: Ich glaube, wir haben schon in den Jahren seit wir aus der Zukunft kommen und 1989 in Berlin gelandet sind, einiges verändert, und können das immer wieder überprüfen.

EVA&ADELE exposition au Musée d'Art Moderne de Paris

EVA&ADELE exposition au Musée d’Art Moderne de Paris

Simone: Eure Kunst, und die Konfrontation mit den Menschen braucht doch auch sehr viel Mut.

Adele: Mut ist ein wirklich wichtiges Wort; Und natürlich haben wir auch grossartige Begegnungen in der Alltagswelt. Wir sitzen in der S-Bahn Richtung Wannsee, kommt da ein Mädchen an, schaut uns an, und sagt «  Seid Ihr immer so?  » «  Ja  !». Und dann sagt sie in der S-Bahn, “Das braucht aber viel Mut!”. Und dieses Wort, am Feierabend so laut ausgesprochen, ist ein Kunstwerk. Sie hat dazu beigetragen. Das ist auch ein Moment von «  WHERE EVER WE ARE IS MUSEUM  ».

Simone: Und wie macht man das, dass man diesen Mut aufbringt?

Eva: Es ist ein weiter Weg. Dieser Mut ist nicht sofort da, er wächst. Es ist immer wieder anders, es gibt kein Rezept dafür. Es kommt auf die Menschen an, auch auf die unterschiedlichen Kulturen.

Simone: Habt Ihr nicht manchmal einfach Lust, nicht als EVA & ADELE rauszugehen, incognito zu sein? Ins Kino, ins Schwimmbad zu gehen?

Eva: Das kennen wir gar nicht, ich glaube, es ist eher ein Albtraum, wenn wir ganz ohne unsere Kunst, die wir am Leibe tragen, inklusive der Malerei in unserem Gesicht, wenn wir als umgrundiertes Bild hinausgehen würden. Ich glaube, das käme einem Albtraum gleich.

Adele: Das ist wie wenn man eine Museumswand abräumt, und  das Bedürfnis haben wir nicht.  Wir sind nicht Mensch, wir sind Künstler. Dadurch dass wir so Vollblutkünstler sind, und wir an unser Werk glauben, und die Kraft aufgebaut haben, es zu leben, zu inszenieren, auch gegen allen Unkens. Die meisten Menschen haben uns überhaupt nicht ernst genommen. Und dann dennoch zu sagen, “Wir glauben daran, wir wissen es schon. Wir gehen weiter” Das ist eine unglaublich grosse Energie, dir durch den Wunsch, das Werk durchzusetzen, gegen alle, entsteht…

Eva: Das ist ein großes Ziel. Dafür muss man auch Opfer bringen. Wenn Du mich heute fragst, wie unser Bedürfnis, am Alltag teilzunehmen, ins Schwimmbad zu gehen, oder irgendwas unerkannt zu tun …. Dann ist es so, dass wir diese Wünsche schon ganz am Anfang unseres Werkes ad acta gelegt haben. Mit dem Entschluss EVA & ADELE zu werden. Wir waren beide Künstler am Beginn, und von unseren Werken und unserer künstlerischen Erziehung her Einzelkünstler. Wir konnten es uns gar nicht vorstellen, als Künstlerpaar zu zweit ein Werk zu schaffen. Wir haben uns in unserem Einzelwerk wohlgefühlt. Wir haben diese völlig neue Situation angenommen, und zwar während der Dreharbeiten zu dem Werk HELLAS. Man sieht auch den Platz, an dem wir dem wir die Entscheidung getroffen haben. Am Fusse dieser Geröllhalde haben wir in einer tränenreichen Drehsituation wo jede Träne echt ist, haben wir beschlossen, EVA & ADELE zu werden. In dieser Arbeit kann man es vielleicht nachvollziehen, dass es keine leichte Entscheidung war; Ich hab mir Ein Jahr Bedenkzeit auserbeten. Es war eine sehr radikale Entscheidung. In diesem Jahr haben wir beide darüber nachgedacht, was es bedeutet.

Zu dieser Zeit hat sich ein anderes berühmtes Performance-Paar gerade getrennt, und zwar Ulay-Abrahmovic.Damals haben wir gesagt, das darf bei uns nicht soweit kommen. Wir müssen wissen, auf was wir uns einlassen,und wir haben uns auf die Kunst eingelassen. Für uns war das der ganz entscheidende Schritt, gerade nach der Trennung dieser anderen Performance Künstler haben wir die Tragweite der Entscheidung erkannt, und dann wirklich entschieden, und damit auf all diese Dinge, persönliche Freiheit des Normalbürgers verzichtet. Und ich kann nur jedem Künstler raten, so grosse Opfer zu bringen.

EVA&ADELE extrait de "HELLAS"

EVA&ADELE extrait de « HELLAS »

Adele: Für uns war schon entscheidend, bei dem Beschluss EVA & ADELE zu werden, daß wir waren und immer noch immer wahnsinnig verliebt sind, natürlich wollten wir weiterhin zusammenbleiben. Das Hindernis war, dass wir beide extreme Persönlichkeiten sind, beide sehr klare Vorstellungen haben, und beide sehr streitbar sind,bis heute. Ich dachte, bei zwei solchen Menschen, die normalerweise absolut nicht zusammen leben oder arbeiten können, hilft nur eins, ein gemeinsames Werk zu schaffen, wenn wir unsere Liebe erhalten wollen. Gleichzeitig war natürlich unser beider Denken über Geschlecht, für uns war klar, dass wir über die Grenzen der Geschlechter und fühlen und auch sind, dass wir Hermaphrodit sind, und denken. Und das, was man erstmal privat und persönlich erfährt, und denkt ist der Ausgangspunkt,dies als Künstler zu veröffentlichen, natürlich in Abstraktion.Wir beide haben dann entschieden, die Kunstfigur EVA & ADELE, 1991, vor 25 Jahren, zu schaffen.

Simone: Und wie macht man das mit dem Ich? Wer ist eigentlich Ich?

Adele: Wir arbeiten für EVA & ADELE
Eva: Wir stehen hinter EVA & ADELE
Adele: Ich möchte aber sagen, dadurch, dass unser Werk so viel Energie und Kraft braucht, sind unsere beiden Persönlichkeiten – die nicht von schlechten Eltern waren – noch stärker gewachsen. Und wir haben innerhalb von EVA & ADELE ein Maximum an Freiheit in unserer Liebesbeziehung, und auch in unserem Arbeitsprozess. Ich glaube, dass wir nicht EVA & ADELE sein könnten, wenn wir nicht das Maximum an Kraft in EVA & ADELE reingeben könnten. Das heisst, dass wir zwar die sogenannte individuelle Freiheit aufgeben – aber das stimmt nicht, denn die wird stärker und höher.

Simone: Aber wie geht das dann, schaltet man das ich einfach aus?

Adele: Das ist ganz einfach, je intensiver unsere Zusammenarbeit wurde, desto mehr hat sich die eigene Persönlichkeit entwickelt.  Ich denke, das „Ich“ ist sehr viel stärker geworden, aber es existiert dennoch nicht mehr. Es existiert das „Wir“. Es ist wichtig, dass die eigene Meinung, die Persönlichkeit komplett da ist. Wir denken im „Wir. Die Eva sagt immer so nett „Ich hab immer das Gefühl, dass mir die Adele auf der Schulter sitzt.“ Und ich denke immer, „Was würde Eva jetzt sagen?“ Wir fällen die eigenen Entscheidungen, aber wir inkludieren immer die Andere.

Simone: Was ist Glück?

Adele: Glück ist was wunderbares, man muss Glück haben, Glück ist ein Geschenk, vielleicht gibt es sogar einen Weg zum Glück.
Eva: Ich kann mich nur anschliessen. Für das Glück ist man selbst zuständig; man muss sehr aufpassen, das Glück ist ein Gast, der gerne kommt, und sehr schnell geht, wenn man nicht aufpasst.  Bezüglich auf unserer Kunst, wenn wir ein Werk abschliessen, und wir das Gefühl haben, es ist gut, dann ist da ein Gefühl des Glücks.
Adele: Ich finde es ist auch ein Glück, wenn man morgens aufwacht, und da liegt jemand neben einem, die man anlächelt,und das Lächeln wird erwidert.

EVA&ADELE Musée d'Art Moderne de Paris

EVA&ADELE Musée d’Art Moderne de Paris

Laisser un commentaire

Votre adresse de messagerie ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *